
Früher hatten Objektive sehr schöne aufgedruckte Skalen. Die eine davon ist
auf Anhieb einsichtig, nämlich die Entfernungsskala. Hier kann man ablesen,
auf welche Entfernung der Fokussierpunkt eingestellt ist. Auch neuere Objektive
haben diese Skala meist noch, aber oftmals mit wesentlich weniger Zahlen und
daher nicht sonderlich genau ablesbar. Die zweite ist die Blendenskala (die
aber nur bei Objektiven mit manuell einstellbarer Blende vorhanden ist).
Gegenüber der Entfernungsskala gab es dann noch eine weitere, die offensichtlich
auch aus irgendwelchen Blendenzahlen bestand. Diese Skala ist bei vielen
neueren Objektiven gar nicht mehr vorhanden - getreu dem Motto: Der Autofokus
wird's schon richten. Leider haben viele Anwender keine Ahnung, welche
Möglichkeit damit verschenkt wird! Dabei ist das im Prinzip gar nicht so
schwierig, auch wenn der Name 'Hyperfokale Distanz' bzw. 'Nah-Unendlich-Punkt'
das erst einmal vermuten lässt.
Stellen wir uns folgendes vor: Wir fotgrafieren eine Person, die etwa 5m von
uns entfernt ist. Die Schärfentiefe geht bei der eingestellten Blende von etwa
3m bis 10m (wir denken an die Regel, dass 1/3 des Schärfenbereichs vor dem
Motiv liegt und 2/3 dahinter). In diesem Schärfebereich von 3m bis 10m befindet
sich aber nur die fotografierte Person. Im Hintergrund sieht man die herrliche
Küste und das Meer an unserem Urlaubsort - aber leider unscharf! Wenn wir die
Blende jetzt noch weiter schliessen könnten... die Lichtverhältnisse erlauben
das aber nicht, Verwacklung droht. Ein Stativ haben wir ja, aber es steht zu
Hause, war für den Urlaub zu schwer.
Was passiert denn jetzt, wenn wir auf 7m scharfstellen? Wir können jetzt
auf dieser Skala ablesen, dass der Schärfenbereich zwar erst bei 3,5m anfängt,
aber dafür nun bis zum Unendlichzeichen geht. Das bedeutet, dass sowohl unsere
Motivperson als auch der wunderbare Ferien-Hintergrund scharf abgebildet werden!
Beim Blick durch den Sucher werden wir allerdings erstmal sehr irritiert sein:
Alles erscheint etwas unscharf! Das liegt einfach daran, dass in der Regel die
Blende des Objektivs immer geöffnet ist, ausser in dem Augenblick, in dem das
Foto dann tatsächlich gemacht wird - die Blende schliesst sich ganz kurz, es
wird belichtet, die Blende geht wieder auf. Bei manchen modernen Kameras kann
das sogar mehrmals pro Sekunde sein!
Wir müssen also auf unser Wissen vertrauen und das unscharfe Sucherbild
akzeptieren. Die Vorgehensweise ist ganz einfach: wir stellen zunächst eine
geeignete Blende ein, im folgenden Beispiel nehmen wir mal an, das sei Blende
11. Dann stellen wir (von Hand) die Entfernung so ein, dass das Unendlichzeichen
auf der Schärfentiefenskala der 11 gegenüberliegt. Auf der anderen Seite der
immer symmetrischen Skala können wir jetzt an der zweiten 11 ablesen, wo
unser Schärfenbereich anfängt!
Flektogon 4/50 von Carl Zeiss Jena an einer Pentacon Six.
Auf der schönen, ausgeprägten Skala kan man ablesen, daß
der Schärfenbereich bei Blende 11 von 1,8m bis Unendlich geht.
Objektive sind sehr verschieden, nicht einmal eine einheitliche Richtung
beim Fokussieren gibt es - bei den linksherum, bei den anderen rechtsherum.
Die meisten haben den Blendenring hinten an der Kamera, aber manche auch
vorne (und manche haben, wie gesagt, gar keinen). Ob man das Unendlichzeichen
auf die rechte oder die linke 11 stellen muss? Das hängt auch vom jeweiligen
Objektiv ab, aber zwei Dinge sind sicher: Wenn das Unendlichzeichen am rechten
Ende der Entfernungsskala sitzt, ist es die rechte 11, und umgekehrt. Viel
wichtiger aber: Da sich das Unendlichzeichen nicht über den Mittelstrich
hinaus drehen läßt, kann man nie die falsche Seite erwischen!
Diesmal ist Blende 22 eingestellt.
Die Schärfentiefe geht jetzt von 95cm bis unendlich!
Die Pentacon Six ist eine Mittelformatkamera: Nicht
vergessen, daß 50mm dort ein Weitwinkel sind!
Tja, wenn das Objektiv keine Schärfentiefe-Skala hat, bleibt uns diese
Möglichkeit leider verschlossen, es sei denn, man schleppt ein Tabellenbüchlein
mit herum oder einen programmierbaren Taschenrechner! Ich möchte aber noch
betonen, dass das Arbeiten mit der Hyperfokalen Distanz eigentlich nur bei
kürzeren Brenweiten Sinn macht - bei langen Teles wird der Bereich der Schärfe
so klein, dass da einfach nichts mehr herauszuholen ist.
Ein Sonnar 4/300 von Carl Zeiss Jena, ebenfalls für die
Pentacon Six. Trotz der enorm kleinen eingestellten Blende
45 beginnt der Schärfenbereich erst bei ca. 16,5m!
An den Beispielen ist deutlich zu sehen, daß bei Weitwinkeln der Bereich
der Schärfentiefe groß ist, während er bei zunehmender Brennweite immer
kleiner wird. Bei langen Teles beträgt die Schärfentiefe im Nahbereich
bei offener Blende nur wenige Zentimeter. Ach ja, natürlich kann man an
diesen Skalen nicht nur die Hyperfokale Distanz ablesen, sondern immer
den Bereich der Schärfe, egal auf welche Entfernung man einstellt!
Vor die Wahl gestellt, ob ich bei einem 20mm-Objektiv lieber eine ordentliche
Schärfenskala hätte oder den eingebauten Autofokus mit Ultraschallantrieb,
würde ich mich ohne Zögern für die Skala entscheiden. Ich empfinde es sogar
als Unsinn, überhaupt Autofokusobjektive mit Brennweiten von weniger als
24mm herzustellen. Bei mir ist der AF bei den Extremweitwinkeln immer
abgestellt, weil er mir den (bei kuzen Brennweiten ja sehr ausgedehnten)
Schärfenbereich immer so hinlegt, wie ich ihn gerade nicht haben will, nämlich
immer um das anvisierte Motiv herum. Bei halbwegs guten Lichtverhältnissen
kann man mit sehr kurzen Brennweiten auf das Fokussieren sowieso verzichten:
Man stellt sich einen Bereich ein, der durchaus von 1m bis unendlich
gehen kann, und dann wird nur noch ausgelöst!
Canon EF 1,4/50 an einer EOS 600.
Ein modernes, hochwertiges Objektiv, das knapp 500.- Euro
kostet, aber die Skala für den Schärfenbereich ist zu
nichts zu gebrauchen!
Gut gemeint ist der Versuch von Canon, bei den EOS-Kameras statt einer richtigen
Skala ein Schärfentiefe-Programm anzubieten. Man fokussiert auf den Punkt,
wo die Schärfe beginnen soll, anschliessend auf den, wo die Schärfe aufhören
soll, und beim dritten Druck auf den Auslöser wird das Bild gemacht. Die Kamera
versucht dann, unter den gegebenen Lichtverhältnissen usw. den Schärfenbereich
entsprechend zu legen. Die Betonung liegt dabei auf dem Wort 'versucht': Was
wird wohl passieren, wenn wir bei trübem Wetter mit 200mm zuerst auf eine
Blume in 1,5m Abstand visieren, dann auf das Gebirge am Horizont, und dann
abdrücken? Zum Glück entwickeln die Chips in den Kameras ja keine
Minderwertigkeitskomplexe angesichts solcher unlösbarer Aufgaben. Auch beim
nächsten Mal werden sie es wieder versuchen...
Was ist denn nun lösbar, was nicht? Hat man eine Schärfentiefen-Skala, kann
man's ablesen, und wenn man ein bisschen Übung damit hat, geht das ganz fix.
Die Ergebnisse kann man sich trotz bei unscharfem Sucherbild vorstellen.
Eine Kamera mit Abblendtaste (die Blende wird durch Druck auf diese Taste
zeitweise geschlossen, und man kann die Schärfentiefe optisch kontrollieren)
ist hier eine sehr zweckmäßige Hilfe.
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