
Auf einem Foto wird nicht unbedingt alles scharf abgebildet. Wenn wir
Unschärfen durch Verwacklung usw. hier außer acht lassen (das ist ein
ganz anderes Thema), kann man feststellen, daß ein mehr oder weniger
großer Bereich um den Fokussierpunkt scharf abgebildet wird, und alles,
was näher ist sowie auch alles, was weiter weg ist, ist mehr oder weniger
unscharf. Dieser Schärfentiefebreich hängt von der Brennweite des Objektivs
sowie der eingestellten Blende ab.
Angenommen, unser Belichtungsmesser (das kann der in der Kamera oder auch
ein externes Handgerät sein) sagt uns, daß wir bei Blende 8 eine 1/125 s
brauchen, dann können wir statt dessen auch Blende 5,6 und 1/250 s oder Blende
11 und 1/60s verwenden. In allen drei Fällen gelangt die notwendige und korrekte
Lichtmenge auf den Film. Trotzdem sind die drei Fotos nicht identisch: Je weiter
die Blende geöffnet ist, umso geringer wird die scharf abgebildete Zone in der
Nähe des Hauptmotivs.
Wer das Kapitel über die Lichtstärke aufmerksam gelesen hat, wird natürlich
gleich diese Frage stellen: Für erheblich mehr Geld kann ich also ein Objektiv
kaufen, das unschärfere Fotos macht? Richtig, genauso ist es! Natürlich
bekommt man für das Mehr an Geld auch ein Objektiv, mit dem man vielleicht
noch freihändig arbeiten kann, wenn man mit einem billigeren schon ein
Stativ benutzen müsste, aber im Prinzip ist es wirklich so.
Die Grenze zwischen Schärfe und Unschärfe
Genau genommen wird eigentlich nur das scharf, was genau in der Fokussierebene
liegt, d.h. die Motivbestandteile, die exakt so weit von der Kamera entfernt
sind, wie wir als Entfernung eingestellt haben. Mit zunehmender Abweichung
der Entfernung in beide Richtungen wird jeder Bildpunkt auf dem Film mehr
als unscharfes Scheibchen abgebildet. Der Übergang ist aber fließend, und
irgendwo ist eine Grenze, was noch als scharf oder schon als unscharf
wahrgenommen wird. Diese Scheibchen auf dem Film werden als Unschärfekreise
bezeichnet.
Als Grenzwert wird beim Kleinbildformat ein Durchmesser der Unschärfekreise von
0,003mm angesehen. Bei kleineren Bildformaten muß dieser Wert niedriger
angenommen werden, im Mittel- bzw. Großformat ist er entsprechend größer.
Genaueres kann man unter dem Stichwort Zerstreuungskreise nachlesen.
Schärfentiefe und Brennweite
Zurück zu den Zusammenhängen zwischen Tiefenschärfe einerseits und Brenweite
bzw. Blende andererseits: Grundsätzlich gilt, daß die Tiefenschärfe umso
größer ist, je größer der Bildwinkel des Objektivs ist (oder je kleiner die
Brennweite des Objektivs ist, da ja kurze Brennweiten einen großen Bildwinkel
abdecken und umgekehrt). Bei Extremweitwinkeln kann das soweit gehen, daß
es eigentlich völlig egal ist, auf was man scharf stellt und welche Blende
man wählt: Alles wird so scharf, wie es die anderen Faktoren wie Qualität
des Objektivs, Verwacklung usw. erlauben.
Je länger die Brennweite wird, umso kleiner wird die Schärfentiefe.
Bei Teleobjektiven muss man schon genau fokussieren (scharfstellen), damit
das Foto dem entspricht, was man sich bei der Aufnahme erhofft hat. Die
Schärfentiefe hängt natürlich wieder nicht allein von der Brennweite,
sondern auch noch von der Entfernung zwischen Kamera und Motivgegenstand
ab. Anders formuliert: Die Schärfentiefe hängt auch vom Abbildungsmaßstab ab.
Deshalb gilt eben sowohl für lange Brennweiten als auch für Makroaufnahmen, daß
die Schärfentiefe abnimmt.
Spiel mit der Schärfe - Hof der Kreuzburg im Harz
Fotos: Strube-Zettler, Canon EOS mit Sigma 2,8/70-210
Im Nahbereich ist die Schärfentiefe etwa so groß wie der Blumenkasten,
im Fernbereich aber schon so groß wie das Haus im Hintergrund.
Die Lage des Schärfentiefe-Bereichs
Auf eine Besonderheit sei noch hingewiesen: Der Bereich der Schärfentiefe
erstreckt sich natürlich immer um den Scharfstellpunkt herum, aber nicht
immer symmetrisch. Es kann z.B. sein, dass wir mit einem Tele auf ein Motiv
in 10 m Entfernung fokussieren. Bei Blende 5,6 erstreckt sich dann der
Schärfebereich von 9,5 bis 11m, bei Blende 11 von 8,5 bis 13m. In beiden
Fällen ist es aber so, dass dieser Bereich zu 1/3 vor und zu 2/3 hinter
dem Motiv liegt.
Diese Regel gilt grob für den Alltagsgebrauch. Es gibt aber eine Abweichung davon:
Im Nahbereich ändern sich die Verhältnisse - bei großen Abbildungsmaßstäben kehrt
sich das ganze irgendwann um, und es liegen 2/3 der Schärfe vor dem Fokussierpunkt
und nur 1/3 dahinter. Der Wendepunkt ist der Abbildungsmaßstab 1:1, bei der
Abbildung in natürlicher Größe liegt der Fokussierpunkt genau in der Mitte
des Schärfebereichs.
Anwendung von Schärfe und Unschärfe
Bisher haben wir uns nur mit rein technischen Fragen befasst, es ging nur um
physikalische Gegebenheiten, deren Richtigkeit niemand ernsthaft anzweifeln kann.
Natürlich habe ich erstmal ein paar Details unterschlagen, die man noch diskutieren
könnte - aber bei der Frage der Schärfentiefe verlassen wir jetzt das Terrain der
Naturgesetze der Fotografie und begeben uns auf den unsicheren Boden
geschmacklicher Fragen.
Ob Schärfentiefe erwünscht ist oder nicht, das muss jeder für sich selbst
beantworten. Ein Architekturfotograf wird sicherlich größten Wert auf eine
möglichst ausgedehnte Schärfentiefe legen, damit nicht nur die Fassade, sondern
das ganze Gebäude scharf abgebildet wird. Ein Portraitfotograf wird vielleicht
eher zu lichtstarken Objektiven greifen und die Blende weit öffnen, um das
abgebildete Gesicht vom unscharfen Hintergrund abzuheben. Bei der Makrofotografie,
wo es darum geht, kleine Gegenstände groß abzubilden, muß man sowieso
damit leben, daß die Schärfentiefe nie ausreicht, denn leider ist es so, daß
die Schärfentiefe mit zunehmendem Abbildungsmaßstab immer kleiner wird.
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